Tag für Tag regenerativ

Die Landwirtschaft der Zukunft braucht Kopf, Herz und Hand. In der öffentlichen Diskussion um die sinnvolle Gestaltung der Landwirtschaft herrscht eine babylonische Sprachverwirrung. EU-Bio, nachhaltig, konventionell, umweltschonend, Landwirtschaft 4.0., Permakultur, Label wie Bioland oder Demeter, regenerativ. Wir haben den Biohof Meitzler besucht und erläutern am Beispiel dieses Feldwirtschafts- und Weinbaubetriebes in Rheinhessen im Fachbeitrag und Video, wie eine regenerative Landwirtschaft aussehen kann.

  Armin Meitzler an seinem Lieblingsarbeitsplatz. Im Feld.

Es war der 12. März 2011. Armin Meitzler wird morgens zeitig wach, oder lag vielleicht die ganze Nacht grübelnd im Bett. „So, jetzt ist es so weit, jetzt stellen wir um auf den ökologischen Anbau unserer Felder, bist Du damit einverstanden, Schatz, oder bist Du damit einverstanden?“ Unsere Kinder Hendrik, Lennart und Bendix, waren damals 11, 9 und 6 Jahre alt. Dass Lennart den Betrieb einmal übernehmen würde war uns schon seit sieben Jahren klar, so beschreibt seine Frau Moni Jahre später jenen Tag, an dem die Würfel gefallen sind. Und erzählt weiter: „Wir bewirtschafteten damals 130 ha Ackerland, davon ca. 18ha Weinbau. Seit dem ersten März hatten wir einen Festangestellten Sebastian Rosinski, der vorher als Teilzeitkraft acht Jahre bei uns tätig war. Ich arbeitete zwölf Stunden als PTA in der Apotheke und zusätzlich führte ich noch als Fach-PTA für Ernährung den Ernährungsführerschein in Grundschulen durch. Gesunde Ernährung war schon immer mein Steckenpferd. Somit musste ich nicht lange überlegen, ob ich einverstanden oder einverstanden war-:)

   Manchmal muss man alles auf den Kopf stellen, um klar sehen zu können. Der Nachwuchs macht es vor.

Klar war für die Eheleute Meitzler auch, dass sie sich dem Biolandverband anschließen wollten, so führten sie in jenem Sommer mehrere Gespräche mit Umstellungsberatern von Bioland und mit dem Kompetenzzentrum Ökologischer Landbau und gingen in die Anbauplanung der vielfältigen Fruchtfolge. 2012 war es dann soweit und sie stellten ihre Flächen auf ökologischen Anbau um. Für Armin Meitzler war das von Anfang gar kein Problem, eher eine Befreiung. Wie sehr er in der Arbeit aufging, fasst seine Frau in einem denkwürdigen Satz zusammen: „Überhaupt bin ich der Meinung, dass er, wenn es so etwas wie Vergnügungssteuer gäbe, diese für seine Arbeit abführen müsste.“

“Bio allein reicht nicht. Intensiv bewässerte Monokulturen im Folientunnel am Ende der Welt
sind der falsche Weg für unsere Ernährung, auch wenn sie das EU-Biosiegel tragen.”

Sie war es auch, die gern Lein anbauen wollte, dass in einer Ölmühle zu hochwertigem Leinöl verarbeitet wird. Denn kein Öl liefert mehr essentiellen Omega 3 Fettsäuren als Leinöl. Als Ernährungsfachfrau konnte sie dann auch den Bogen spannen zu den Themen gesunde Ernährung und Prävention, Themen, die sie bei der Arbeit in der Apotheke sehr beschäftigten. Dass sie schon bald mit einem Kollegen eine eigene Ölmühle haben sollten, daran hatten beide zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gedacht. Einfach war die Umstellung nicht immer, vieles ungewohnt. „Ich kann mich noch sehr gut an den Blattlausschreck im ersten Jahr erinnern. Armin kam vom Feld heim und war total erschrocken. Unzählige Blattläuse auf den Erbsen. Was tun? Keine Ahnung, erst mal eine Nacht drüber schlafen. Dann weiterschauen. In den nächsten Tagen waren die Blattläuse tatsächlich weg. Sie waren wohl die Leibspeise der Marienkäfer und anderer Nützlinge“, so Moni Meitzler-Stöhr heute mit gebührendem Abstand.

  Nützlinge sind unsere wichtigsten “Mitarbeiter”.

Der Boden ist der Anfang von allem
Ob wir Menschen tatsächlich einstmals aus Lehm erschaffen wurden, können wir in diesem Beitrag nicht weiter untersuchen. Fest steht jedoch, dass unser Leben jeden Tag aufs Neue davon abhängt, dass der Boden uns ernährt. Armin Meitzler weiß das und geht mit seinen Böden achtsam um. „Ich habe den Hof 1991 von meinen Eltern übernommen und 2012 Jahre später auf Bio umgestellt. Ich wußte schon immer, dass wir auf Bio umstellen wollen, aber es hat Zeit gebraucht und es war wie eine Befreiung. Seit 2003 Jahren haben wir nicht mehr tief gepflügt, stattdessen setzen wir Scheibenegge, Federzinkengrubber und partielle Bodenlockerung ein. Mit dem Einsatz der regenerativen Landwirtschaft haben wir dann den Turbo gezündet. Der Boden hat sich seither spürbar verbessert, wir haben eine krümelige Struktur, die mehr Wasser und Nährstoffe halten kann. Gerade im trockenen Rheinhessen mit seinen eher sandigen Böden ist das ein großer Vorteil. Im Jahr 2018 und 2019 hatten viele Landwirte mit der extremen Hitze und Trockenheit zu kämpfen. Auf dem Biohof Meitzler haben dagegen sehr gute Erträge erzielt.

Auch wenn der traditionelle Pflug ruht, steht auf dem Hof eine beeindruckende Sammlung modernster Ackergeräte, ein Maschinenpark mit hoher Schlagkraft, um genau zum passenden Zeitpunkt das richtige zu tun. So etwa am Ende des Winters die Weizenflächen „durchaus aggressiv“ bis zu 5 cm tief zu striegeln und so die Oberfläche aufzubrechen, den Boden zu belüften, Mist einzuarbeiten und Beikraut zu minimieren. Wo es soviel zu sehen, hören und lernen gibt, verwundert es nicht, dass der Biobetrieb Meitzler Leitbetrieb in Rheinland-Pfalz ist und immer wieder auch Demonstrationsbetrieb für bestimmte landwirtschaftliche Verfahren, u.a. im Kompetenzzentrum Ökologischer Landbau. Neben der täglichen Arbeit wird hier viel ausprobiert, getestet und dokumentiert, so etwa mit einem Begrünungsrechner des DLR mit dem der Nutzen ganzjähriger Begrünung im Weinbau untersucht werden soll. Oder mit GPS-gestützten Verdichtungsmessungen.

Moderne und vielsfältige Maschinen, wie dieser Tiefenlockerer gehören für Armin Meitzler zum Bioanbau dazu.

Wie Frucht auf Frucht über die Jahre folgt
Mit der klassischen Dreifelderwirtschaft haben unsere Vorfahren versucht, ihre Felder über viele Jahre fruchtbar und ertragreich zu halten. Ein Jahr Getreide, dann Hülsenfrüchte, dann ein Jahr Brache. Eine gute Idee, die sich heute mit modernem Wissen und verbesserter Technik sehr viel feiner und dosierter ausgestalten lässt. Insgesamt 30 verschiedene Kultursorten wurden in den letzten Jahren auf dem Hof der Familie Meitzler angebaut, alleine in diesem Jahr sind es 20. Natürlich bedeutet das zunächst mehr Aufwand als in einem Monokulturbetrieb, wo stets nur drei bis vier Sorten angebaut werden, denn jede Sorte stellt ihre eigenen Anforderungen an Aussaat, Boden, Nährstoffe und Wasser. Für Armin Meitzler liegen die Vorteile klar auf der Hand. Durch die zeitversetzten Termine für Aussaat und Ernte wird das Risiko deutlich gesenkt, dass Spätfrost, Dürre, Schädlinge, Starkregen oder Hagel einen Großteil der Felder und damit der Ernte vernichten. Auch unsere Arbeiten auf dem Feld sind stark wetterabhängig, mit den vielfältigen Kulturen schaffen wir uns größere Flexibilität und mehr Zeitfenster für eine gute Bearbeitung. Und schließlich werden auch unsere Verkaufserlöse stabilisiert, denn die Marktpreise für einzelne Sorten können von Jahr zu Jahr erheblich schwanken. Und mit zusätzlichen Nischenprodukten, etwa Facelia für einen Saatgutvermarkter oder die Biozuckerrüben für Südzucker, lassen sich besonders gute Preise erzielen während die Tonnage-orientierte Produktion auf riesigen Flächen oft extrem unter Preisdruck steht. Die Fruchtfolgeplanung ist ein großer Aufwand, wird aber dennoch überwiegend im Kopf und Notizen umgesetzt. „Und auf dem Traktor habe ich viel Zeit zum Nachdenken“.

Biohof Meitzler in Zahlen

  • 230 Hektar bewirtschaftete Fläche in Rheinhessen
  • davon 24 Hektar Weinbau
  • 20 Ackerbaukulturen in 2018
  • Bodenpunkte 75 mit 520 Liter Niederschlag
  • 2018 wurden im Schnitt 6 Tonnen Weizen je Hektar gedroschen
  • Wicken, Fenchel und Sonnenblumen ernähren 80 Bienenvölker mit
  • Schälpflug mit Arbeitstiefe max. 15 cm

Von Unter-Zwischen-Winter-und Direktsaaten
Die Fruchtfolge ist heute nur eine Ebene, um Vielfalt auf dem Acker zu erzielen. Masanobu Fukuoka hat im Japan der 1950-er Jahre gezeigt, wie Reisanbau im Sommer und Roggen oder Gerste im Winter sich gut ergänzen. Er hat seine Felder nach der Ernte nicht gepflügt und dann eingesät, sondern die neue Saat kurz vor der Ernte ausgestreut und dann mit dem Stroh der Ernte bedeckt. Gemüse und Kräuter hat er zwischen seinen Orangenbäumen angebaut und all das ohne künstlichen Dünger und Pestizide. Seine Erkenntnisse hat er in dem berühmt gewordenen Buch „Der große Weg hat kein Tor“ niedergeschrieben.

Meitzlers Felder sind das ganze Jahr über grün. Auch wenn rundherum alles kahl ist.

In Rheinhessen wird heute nicht mehr von Hand gesät und mit der Sichel geerntet, die Erkenntnisse dieses japanischen Bauern fließen auf neuen Wegen in die Arbeit ein. So etwa in den Kursen und Feldtagen „Die Grüne Brücke“, wo die Gründer Dietmar Nässer und Friedrich Wenz anschaulich und praxisnah vermitteln, wie eine ganzjährige Begrünung auch in großen Betrieben umgesetzt werden kann. „In den ersten Jahren haben wir viel von den beiden gelernt und umgesetzt, mittlerweile sind wir Partnerbetrieb und regelmäßig finden Feldtage hier bei uns statt“, erzählt Armin Meitzler und strahlt. Eine gut geplante Dauerbegrünung kann im Boden wahre Wunder bewirken fährt er fort und berichtet, dass neulich ein erfahrener Saatguthändler hier war, mit ihm über die Felder ging und nach einer Weile sagte: „Hier kann ich die Bodengare beim Laufen mit jedem Schritt spüren“. Die Untersaaten arbeiten über den Sommer wie eine Photovoltaikanlage und geben die Hälfte der Energie im Form von Kohlenstoff an die Bodenlebewesen ab, so funktioniert effektiver Humusaufbau und ganz nebenbei noch dauerhafte CO2-Bindung.

„Ihre Felder sehen ja besser aus als die konventionellen. Wie machen Sie das denn?“

Auch die ganzjährige Begrünung ist ein zusätzlicher Aufwand für den Bioland-Hof, und er lohnt sich auch jeden Fall. Während auf freiliegenden Böden teilweise 30 Tonnen guter Oberboden pro Hektar und Jahr durch Wind- und Wassererosion verloren gehen, bauen Leguminosen wie Roggen, Wicken oder Inkarnatklee Humus auf und binden wichtigen Stickstoff an den Knöllchenbakterien. Später werden diese Pflanzen mit Mikroorganismen fermentiert und in den Boden eingeschält, der energiereiche Pflanzenzucker wird so in einem anaeroben Milieu zu Ton-Humus-Komplexen umgebaut, ohne das dabei Klimagase wie Methan oder Lachgas freigesetzt werden.

„Im Grunde“, so Meitzler, „stellen wir nur eine Reihe von einfachen Fragen. Was gibt uns der Boden vor, welche Vorfrucht gab es und wie sieht es aktuell mit dem Beikrautdruck aus und was ist ökonomisch gerade sinnvoll und notwendig?“ Das Ergebnis begeistert nicht nur Bio-Freunde, sondern auch kühle Rechner wie etwa Versicherungsunternehmen. Die Kartoffel gilt ihnen als Hochrisikofrucht, die bei Starkregen von Abschwemmung betroffen ist. Eine stabile, wasserdurchlässige Krümelstruktur kann hier das Risiko deutlich senken.

Nahrhafte Nahrungsmittel brauchen nährstoffreichen Boden
Mangelernährung tritt nicht nur in armen Ländern Afrikas oder Asiens auf, sondern mitten im Wohlstand und im Übergewicht. Knochenschwund durch Calciummangel, Herzerkrankungen durch fehlendes Magnesium oder Wachstumsstörungen bei Kindern durch Vitaminmangel sind bei uns eher die Regel als die Ausnahme. Woher kommt dieser Mangel mitten im Überfluss? Dr. William Albrecht, Leiter der Abteilung Bodenkunde an der Universität von Missouri, ist dieser Frage schon vor mehr als 60 Jahren im mittleren Westen der USA nachgegangen. „Nur wenn im Boden die wichtigen Mineralien und Spurenelemente in ausgewogenem Verhältnis vorliegen, können die Pflanzen sie aufnehmen. Und nur dann haben Mensch und Tier eine gesunde und nahrhafte Ernährung,“ so seine Antwort . Was so einfach klingt, ist viel schwerer umzusetzen, denn unsere Böden sind ausgelaugt und überdüngt zugleich, die Struktur zerstört, die Balance verloren.

Neal Kinsey war einer der letzten Studenten bei Prof. Albrecht und seine „Kinsey-Methode“ der Bodenernährung wird auf dem Biohof Meitzler in Rheinhessen angewendet. Dazu werden zunächst Bodenproben nach der standardisierten Kinsey-Methode entnommen und die Anteile von Calcium und Magnesium bestimmt, die bei 70% und 20% des mineralischen Bodenanteils liegen sollten. Weiterhin die Anteile von Phosphor, Schwefel, Kalium. Wichtig ist dabei, die Nährstoffe im Gleichgewicht zu halten und die Krümelstruktur zu stabilisieren, etwa über die Beimpfung mit fermentierter Pflanzenkohle und effektiven Mikroorganismen. „First things first“, sagen die Amerikaner, also eine klare Priorisierung. Erst wenn die Struktur und Zusammensetzung des Bodens stimmen, ist es sinnvoll, die nächsten Schritte zu gehen und immer feinere Schrauben zu drehen.

Gründüngungspflanzen erschliessen Nährstoffe und Wasser in tieferleigenden Bodenschichten.

Wo Kooperationen sinnvoll sind. Und wo nicht
Bei Meitzlers gibt es keine Tiere, vom Hofhund mal abgesehen, deshalb spielt die Futter-Mist-Kooperation eine besondere Rolle. 300 Tonnen Festmist von einem Bio-Hühnerhof Stroh wird an eine Pilzproduktion abgegeben, dafür kommt nährstoffreicher Champost zurück. Die 24 Hektar Rebflächen werden das ganze Jahr über bis zur Lese selbst bearbeitet. Danach gehen die Trauben jedoch zum weiteren Ausbau an die Winzerfamilien Dreissigacker und Bäder. Spitzenweine zu kreieren ist eine Wissenschaft für sich, da erkennen wir unsere Grenzen an und konzentrieren uns auf das, was wir am besten können, betonen die Eheleute Meitzler. Die neueste Idee ist eine Kartoffel-Kooperative, mit der eine größere Vielfalt an Kartoffelsorten nur in der Region vermarktet werden soll, aus Rheinhessen für Rheinhessen.

Und wie man damit auch ein Einkommen erzielt
„Wir müssen und wollen von dem leben, was wir tun“, sagt Moni Meitzler-Stöhr kurz und knapp, die Grundregeln der Betriebswirtschaft gelten für jeden Landwirt, auch für uns.“ Und dazu kann die Direktvermarktung mit ihren höheren Erlösen wesentlich beitragen. So etwa die Ernte an Lein und Hanf, die in eigener Ölmühle verarbeitet und unter dem Bio-Label „Ölbewusst“ direkt im Laden verkauft wird. „Bei rund 90% unserer Produkte kennen wir die Abnehmer persönlich, das ist natürlich eine viel bessere Geschäftsgrundlage als in anonymen Massenmärkten“, so die Hofchefin. Für eine rentable Bewirtschaftung müssen auch die Hektarerträge stimmen, 2018 durchschnittlich 6 Tonnen Getreide auf dem Hektar und in der Spitze sogar 7 Tonnen ganz ohne teure Pestizide und Kunstdünger rechtfertigen den erhöhten planerischen Arbeitsaufwand und die gleichzeitige Bewirtschaftung so vieler Kulturen allemal.

Auf einem Bein steht man nicht gut, besagt ein Sprichwort, das in der modernen Landwirtschaft in Vergessenheit geraten ist. Viele Höfe sind vollkommen abhängig von wenigen Massenkulturen, wie Weizen, Raps, Mais, Kartoffeln oder Zuckerrüben. „Dabei bieten zusätzliche Nischen gute Erträge und vor allem verlässliche Absatzmärkte. Etwa die Saatgutvermehrung für Unternehmen wie Freudenberger“, erläutert Moni Meitzler-Stöhr. In der Landwirtschaft wird Einkommen nicht nur heute erzielt, sondern für Generationen, manchmal über Jahrhunderte. Da kann der vermeintlich schnelle Gewinn teuer zu stehen kommen. Und eine regenerative Landwirtschaft im wahrsten Sinne enkeltauglich sein. „Einer unserer Söhne möchte den Hof einmal übernehmen“ sagen Moni und Armin Meitzler mit einer spürbaren Freude, „und er und seine Kinder sollen dann immer noch auf gutem, fruchtbarem Boden stehen. Auch dafür arbeiten wir heute.“

  Das Team des Biohofes Meitzler beim Betriebsausflug