Das Konzept der Eh da-Flächen. Einfach gut.

Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie. Diese einfache Wahrheit beherzigen wir in der Arbeit der Stiftung. Forschung und Entwicklung für eine nachhaltige, enkeltaugliche Landwirtschaft. Dazu stellen wir regelmäßig Fachbeiträge aus der aktuellen Forschung, gesichertem Erfahrungswissen und wegweisenden Initiativen vor. Den Anfang macht ein Beitrag zu den sogenannten Eh da-Flächen. Die Autoren zeigen anschaulich, wie schnell und einfach die Potentiale dieser oft vergessenen Kleinode genutzt werden können.

Für mehr Artenvielfalt in der Agrarlandschaft und im Siedlungsbereich  – Das Konzept der Eh da-Flächen

Autoren: Mark Deubert, Klaus Ullrich, Matthias Trapp, Christoph Künast

Zusammenfassung
Nicht zuletzt in der „Krefelder Studie“ (Hallman et al. 2017) wurde der Rückgang von Insekten nachgewiesen. Eine Ursache dafür ist der Verlust an Fläche und Habitaten, wodurch der Druck auf verbleibende Flächenressourcen zunimmt. Hier setzt das Ende 2018 von der
UN-Dekade Biologische Vielfalt ausgezeichnete Konzept der Eh da-Flächen an, um sowieso vorhandene Flächenressourcen (Eh da-Flächen) u.a. für Insekten nutzbar zu machen bzw. zu erhalten und die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft und im Siedlungsbereich zur fördern (Deubert et al. 2016).

Das Konzept der Eh da-Flächen
Eh da-Flächen sind Offenlandflächen, die weder einer (land-) wirtschaftlichen Nutzung noch einer naturschutzfachlichen Pflege unterliegen. Sie befinden sich häufig im Umfeld landschaftszerschneidender Achsen wie Verkehrswegen, diverser Trassen, Gewässern oder Gräben und sind i.d.R. in öffentlicher Hand. Beispiele sind Wegebegleitflächen, Böschungen, Dämme, kommunale Grünflächen oder Eckflächen („Zwickel“) in der Agrarlandschaft (s. Abb. 1).


Abb. 1: Gräserdominierte Eh da-Fläche in Haßfurt (Bayern) im Ausgangszustand (© RLP AgroScience, K. Ullrich, 18.04.2016)

Eh da-Flächen nehmen nennenswerte Flächenanteile ein, je nach Naturraum und landschaftlicher Vielfalt zwischen 2 und 6% der Gesamtfläche. Ein weiteres Charakteristikum ist die räumliche Verteilung: aufgrund der Lage an landschaftszerschneidenden Achsen sind sie häufig longitudinal geformt und durchziehen die Gesamtlandschaft, so dass sie einen erheblichen Beitrag zur Vernetzung von Lebensräumen leisten können (Deubert et al. 2016). Das Aufwertungspotential dieser Flächen ist i.d.R. hoch, da ihr Ausgangszustand häufig monoton bzw. gräserdominiert ist (Lückmann et al. 2014).

Je nach verfolgtem Schutzziel sind spezifische Aufwertungsmaßnahmen auf  Eh da-Flächen zu favorisieren. Laufende Eh da-Projekte werden mit Schutzziel Wildbienenförderung konzipiert. In Deutschland gibt es ca. 560 Wildbienenarten, die Flugdistanzen von teilweise nur wenigen hundert Meter zurückliegen können und damit auf das Vorhandensein von Nahrungsquellen in räumlicher Nähe zu adäquaten Nisthabitaten angewiesen sind (Westrich 2018). Daher ist ein Kern bei der Aufwertungsplanung von Eh da-Flächen die Berücksichtigung kombinierter Lebensräume, einerseits zur Schaffung bzw. Erhaltung eines möglichst langandauerndes Blütenangebots (z.B. durch mehrjährige Regiosaatmischungen oder angepasstes Mahdmanagement) und andererseits zur Schaffung bzw. Erhaltung von Nistmöglichkeiten (z.B. Rohboden, Biotopholz, Steinwerk) (s. Abb. 2 & 3). Die Kostenspanne der Aufwertungsmaßnahmen reicht von kostensparend bis kostenintensiv: Einerseits kann auf Eh da-Flächen z.B. die Reduktion von dem Bauhof sowieso anfallender Pflegemahd nicht unerhebliche Kosteneinsparungen bedeuten, andererseits können fehlgeplante Aussaaten von Blühmischungen oder überdimensionierte artifizielle Insekten-Nisthilfen teuer werden.


Abb. 2: Aufgewertete Eh da-Fläche in der Wingst (Niedersachsen): Wildobstpflanzungen, Biotopholzhaufen, angepasstes Mahdmanagement, Infotafel (© RLP AgroScience, M. Meier, 28.09.2018)

Abb. 3: Aufgewertete Eh da-Fläche in Neustadt/Wstr. (Rheinland-Pfalz): Mehrjähriger Blühstreifen, Gabionenbänke als Nistmöglichkeiten, Infotafel (© RLP AgroScience, K. Ullrich, 05.06.2018)

Darüber hinaus beinhaltet das Eh da-Konzept weitere interdisziplinäre Bausteine: Auf Basis geographischer Informationssysteme (GIS) wurde eine Erfassungsmethode entwickelt, mit der flächendeckend (z.B. für gesamte Kommunen) potenzielle Eh da-Flächen lokalisiert und quantifiziert werden können. Mit weiterführenden Geodatenanalyse können z.B. Nachbarschaftsflächen berücksichtigt, Vernetzungswirkungen analysiert und der Landschaftsbezug hergestellt werden (s. Abb. 4). Mit Hilfe der resultierenden Potenzialkarte werden zur Vernetzung geeignete Eh da-Flächen („Eh da-HotSpots“) detektiert und können in einem nächsten Schritt gezielt begangen werden, um den Ausgangszustand (u.a. Pflanzengesellschaft und vorhandene Strukturen) zu prüfen, um wiederum standortspezifische Aufwertungsmaßnahmen konzipieren zu können.

Abb. 4: Mit GIS detektierte und zu anderen Flächenkategorien in Bezug gesetzte potenzielle Eh da-Flächen in Neustadt/Wstr.

Ein weiterer Baustein sind moderne und interaktive Kommunikationsmedien: Die gewählte geodatenbasierte Herangehensweise bietet die Möglichkeit kartenbasierte Webanwendungen (WebMaps) zu generieren, die einerseits zu einem gemeinschaftlichen Planungstool (für lokale Akteure, z.B. www.tinyurl.com/ehdaPlanungsplattform) und andererseits zu einer Informations- und Dokumentationsplattform (Bürgerbeteiligung, z.B. www.tinyurl.com/ehdaWingst) entwickelt werden können und so einen Beitrag zur Umweltbildung leisten.

Das Eh da-Konzept ist ausgelegt für Kommunen, da unter ihrem Dach diverse relevante lokale Akteure und Zuständigkeiten gebündelt sind: kommunale Entscheidungsträger, Flächenbesitzer, Landwirte, Naturschützer, Imker, Bauhof, etc. In puncto Beständigkeit empfiehlt sich bei diesem freiwilligen Ansatz die Einrichtung eines zentralen Ansprechpartners bzw. „Kümmerers“. Derzeit wenden mehr als 20 über Deutschland verteilte Kommunen das Eh da-Konzept an. Eine wissenschaftliche Begleitung kann durch die gemeinnützige rheinland-pfälzische Forschungs-GmbH „RLP AgroScience“ durchgeführt werden.

Resümierend unterstützt das Eh da-Konzept die ökologische Aufwertung der Landschaft ohne zusätzlichen Flächenbedarf und trägt zur Steigerung der Artenvielfalt und der Ökosystemfunktionen bei. In Zukunft soll es in übergeordnete Biodiversitätskonzepte integriert, durch unterstützende MonitoringApps optimiert und durch weitere bundes- sowie europaweite Anwendungsfälle in die Fläche gebracht werden.

Bezug des Themas zur Stiftung
Eine der zentralen Ziele der Stiftung ist es Lebensräume zu erhalten bzw. zu schaffen und die Artenvielfalt zu fördern. Insofern ist das Konzept der Eh da-Flächen ein wertvoller Ansatz, um nicht genutzte Flächen aufzuwerten und Habitate für Bienen und Kleinlebewesen zu schaffen.


Auf der Projektwebseite: www.eh-da-flaechen.de finden sich nicht nur wichtige Informationen und Hinweise zu dem Projekt, sondern auch ein Leitfaden für Kommunen und Flächenbesitzer zur Durchführung und Ablauf eines Eh da-Projektes.

Die Stiftung Lebensraum dankt den Autoren für den Gastbeitrag.

Autorenangaben
Dipl.-Geogr. Mark Deubert, Dipl.-Ing. La.-Pla. Klaus Ullrich, Dr. Matthias Trapp  (alle RLP AgroScience GmbH, Institut für Agrarökologie, Kontakt: Mark.Deubert@agroscience.rlp.de, Tel: 06321 671430, Breitenweg 71, 67435 Neustadt), Prof. Dr. Christoph Künast (TU München & E-SyCon GmbH, Kontakt: Christoph.Kuenast@e-sycon.de, Tel: 0175 5901124, Salierstraße 2, 67166 Otterstadt)

Deubert, Mark
Studium der Geografie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Berufstätigkeit: bei RLP AgroScience – Institut für Agrarökologie (Neustadt/Wstr.) in der Arbeitsgruppe Umweltsysteme seit 2010.
Wissenschaftliche Themenschwerpunkte: GIS-basierte Landschafts- oder Standortanalysen für agrarökologische Fragestellungen der nachhaltigen Agrarraumnutzung, v.a. Artenvielfalt, Erneuerbare Energieanlagen.

Belege/Zitate/weiterführende Literatur zum Projekt Eh da-Flächen

Projektwebseite: www.eh-da-flaechen.de

TV-Beitrag: SWR Fernsehen (Hrsg.) (2018): Prof. Dr. Christoph Künast – Initiator des Programms “Eh-da Flächen”.In: Kaffee oder Tee, 29.08.2018, 8min, Internet: https://www.ardmediathek.de/ard/player/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzEwNTAxOTE (04.12.2018).

Bolz, H.; Deubert, M.; Trapp, M. (2015): Eh da-Flächen. In: ArcAktuell 2/2015: Städte und Dörfer: Nachhaltig gestalten, 16-17. Internet: https://www.arcaktuell.de/02-2015/#/16 (04.12.2018).

Deubert, M., Ullrich, K., Trapp, M. (2014): Eh da-Flächen in Agrarlandschaften. Studie zur Erfassung und Bewertung quantitativer und qualitativer Flächenpotenziale.

Deubert, M., Trapp, M. (2015): Eh da-Flächen – Flächenmanagement für mehr Artenvielfalt. Umweltjournal Rheinland-Pfalz 58, 70-73. Internet: https://mueef.rlp.de/fileadmin/mulewf/Publikationen/Umweltjournal_58.pdf (04.12.2018).

Deubert, M.; Trapp, M.; Krohn, K.; Ullrich, K.; Bolz, H.; Künast, R.; Künast, C. (2016): Das Eh da-Konzept: Ein Weg zu mehr biologischer Vielfalt in Agrarlandschaften und im Siedlungsbereich. In: Naturschutz und Landschaftsplanung 48 (7), 2016, 209-217. Internet: https://www.nul-online.de/Das-Konzept-der-Eh-da-Flaechen,QUlEPTUwOTYyMDAmTUlEPTExMTE.html (05.12.2018).

Deubert, M.; Trapp, M.; Krohn, K.; Ullrich, K.; Bolz, H.; Seipp, M.; Künast, R.; Künast, C. (2018): Das Eh da-Konzept: Ein Weg zu mehr biologischer Vielfalt in Agrarlandschaften und im Siedlungsbereich. In: Bayerischer Gemeindetag 2, 2018, 54-61. Internet: www.bay-gemeindetag.de/Informationen/ZeitschriftBayerischerGemeindetag (04.12.2018).

Deubert, M.; Ullrich, K.; Trapp, M.; Künast, C.; Krohn, K. (2017): Vielfalt ohne Flächenverlust. In: DLG-Mitteilungen, 3/2017, 66-67.

Hallmann, C.A.; Sorg, M.; Jongejans, E.; Siepel, H.; Hofland, N.; Schwan H. et al. (2017): More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLoS ONE 12(10): e0185809. Internet: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0185809 (04.12.2018).

Künast, C.; Krohn, K. (2010): Flächen die eh da sind: Lebensräume für Bienen und mehr. In: Deutsches Bienen-Journal, 02/2010.

Künast, C. (2014): More habitats for bees: Eh da-Flächen (Just there-areas). Internet: http://sustainable-agriculture.org/more-habitats-for-bees-eh-da-flachen-just-there areas (04.12.2018).

Künast, C. (2017): Mehr Artenvielfalt am Wegesrand. In: Landwirtschaftliches Wochenblatt. Allgäuer Bauernblatt, LW 11/2017. Internet: https://www.lw-heute.de/-artenvielfalt-wegesrand (04.12.2018).

Künast, R. (2017): Entomologische Diversität auf Eh da-Flächen. Bachelorarbeit, Albert- Künast -Universität Freiburg.

Künast, C.; Deubert, M.; Künast, R.; Trapp, M. (vorauss. 2019): Die Eh da-Initiative. Mehr Platz für biologische Vielfalt in Kulturlandschaften. In: Biologie in Unserer Zeit.

Lückmann, J.; Burger, R.; Diestelhorst, O.; Hanebeck, I. (2014): Die Bedeutung ausgesuchter Eh da-Flächen in Rheinland-Pfalz und Niedersachsen für die Wildbienen und Grabwespenfauna sowie für Honigbienen im Sommer 2013.

Schmid-Egger, C.; Künast, C.; Deubert, M. (2015): Eh da-Flächen nutzen – Artenvielfalt fördern. Praxisleitfaden für die Anlage und Pflege. Forum Moderne Landwirtschaft e.V. (Hrsg.). Internet: http://greencommons.de/images/0/0a/201506_Praxisleitfaden.pdf (04.12.2018).

Seipp, M.; Deubert, M.; Trapp, M. (2018): Vorhandene Flächen ökologisch gestalten. In: ArcAktuell 1/2018, 42-43. Internet: https://www.arcaktuell.de/01-2018/#42 (04.12.2018).

Trapp, M.; Deubert, M.; Ullrich, K. (2015): Freiflächenoptimierung: Das Eh da-Konzept. In: Gemeinde und Städtebund Rheinland-Pfalz (GStB RLP) (Hrsg.): Gemeinde und Stadt. Beilage: Das Grünes Blatt 2/2015. Internet: http://www.gartenakademie.rlp.de/Internet/global/themen.nsf/ALL/450125EF2BD4CDE4C1257E6E00248EFE?OpenDocument (04.12.2018).

Ullrich, K.; Deubert, M.; Trapp, M. (2016): Vorhandenes besser nutzen. In: Der Bauhofleiter 5/2016, 8-13.

UN-Dekade Biologische Vielfalt (Hrsg.) (2018): Das Konzept der Eh da-Flächen. Internet: https://www.undekade-biologischevielfalt.de/projekte/aktuelle-projekte-beitraege/detail/projekt-details/show/Wettbewerb/2370 (04.12.2018).

Westrich, P. (2018): Die Wildbienen Deutschlands. Verlag Eugen Ullmer, Stuttgart.